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Editorial
«Ich bin. Ich denke. Ich will. Meine Hände… Mein Geist… Mein Himmel… Mein Wald… Diese meine Erde. Das sind die Worte. Das ist die Antwort.» Was wie das Gestammel eines zeitgenössischen Egozentrikers aus der Bausparwerbung klingt, stammt aus der Feder der US-Schriftstellerin Ayn Rand.
Von Michael Wiederstein
In ihrer 1938 erschienenen Novelle «Anthem» begegnen wir einer Zukunftsgesellschaft, deren Individuen von Gesetzes wegen untersagt ist, sich als Individuen zu verstehen. Das «Wir» wurde gewaltsam an die Stelle des «Ichs» gerückt, bleierne Schwere liegt über allem. Da entdeckt ein junger Mann durch Zufall das Wort «Ich». Der Anfang einer Befreiungsgeschichte.
Seit 1938 hat sich ziemlich viel verändert. Von Hedonisten und Egoisten ist
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Kolumne
Von Nora Gomringer

Jasoom. Das ist die Erde. Barsoom ist der Mars. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen. Das Leben des John Carter spielt sich mehr oder weniger unfreiwillig zwischen den Planeten ab, seit diese Wahrheiten 1911 Eingang in die Science-Fiction-Literatur erhielten. Edgar Rice Burroughs hat sich die Mars-Saga ausgedacht und Walt Disney hat sie gerade verfilmt. Neben den unsterblichen Frank Herbert-Phantasien, die auf dem fiktiven Planeten Dune (wie Mars ein Wüstenplanet) lebendig wurden, sind
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Kolumne
Von Roger Monnerat

Zu meinem Weltbild gehört, dass ich das Wort «Leute» lieber habe als das Wort «Menschen». Leute liebe ich, weil es keine Einzahl hat. Keine Einzahl zu haben, ist die Quintessenz des Lebendigen. Im Gegensatz zu Menschen bilden Leute auch keine «Leutheit», und kleiner Leute halber ist bekanntlich noch nie eine Schlacht verlorengegangen.
Das Wort «Mensch» muss viel zu viel auf sich nehmen. Obwohl «Menschen» im Gegensatz zu
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Thema
Von Helmut Dworschak
Der Film «Brazil» zeigt uns die Empfangshalle eines imaginären Informationsministeriums. Dort steht ein kleines Gerät namens «Decision-Maker». Es sieht aus wie ein Miniaturmodell der Guillotine und wird von einem sadistischen Angestellten bedient: Rein zufällig fällt das Lot mal auf diese, mal auf jene Seite. Auf welche, ist egal, Hauptsache, es wird entschieden.
Dieses Gerät möchte man heute all jenen mitgeben, die nicht wissen, was sie mit
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Zwischen den Zeilen
Sein Verlag bewirbt Matthias Nawrats Romandebüt als Zeugnis der «Generation der Unentschlossenen». Aber: gibt es diese Generation überhaupt? Und wenn ja: was macht sie aus? Der Newcomer aus Biel über den «Zwang zur Freiheit», die Luxusprobleme der «Twentysomethings» und die Lösung für alle Probleme: den Würfel.
Von Michael Wiederstein, Matthias Nawrat
Matthias, hältst du dich für «unentschlossen»?
Ich wäre wohl kein Schriftsteller, wenn ich unentschlossen wäre – man braucht einen starken Willen, wenn man all diese Jahre des einsamen Arbeitens an einer fixen Idee durchstehen will. Allerdings, so viel stimmt, ist das Schreiben für mich auch ein Ausweg aus einer Art der Unentschlossenheit. Ich wusste zwar nach dem Abitur, dass ich viele Möglichkeiten habe, meine Zukunft zu gestalten – aber
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Positionen
Jeder neuen Generation öffnet sich, an der Schwelle des Erwachsenseins angekommen, ein wildes, weites Land. Das da heisst: Zukunft. Alles, was es braucht, sind ein paar kraftvolle, mutige Schritte hinein. Der Rest ergibt sich beinahe von selbst.
Von Alexander Hans Gusovius
Neue Generationen erobern das Land, weil die Alten gewöhnlich bald loslassen, müde vom Kampf ums abgelebte Dasein. Und wenn die Alten nicht loslassen? Oder wenn es an Mut und Ideen gebricht? Beides ist derzeit zu besichtigen. Eine Generation zwischen 25 und 40 Jahren starrt wie gelähmt auf sich selbst und vermag sich nicht zu entscheiden, ob sie überhaupt und, wenn ja, in welcher Dosie-rung sich den Gefährdungen aussetzen soll, die unweigerlich aufwarten, wenn
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Lyrik
Von Sarah Bernauer
meine kolossale jugend wirft
einen blick / eine münze durch den regen
be strong, be pure
das hing mal im badezimmer über dem spiegel
gleich neben dem lächeln einer grossen erwartung
und zwischen den lippen eines toten hasen
ich sah so viele und ja, du errätst es
der erste biss blieb immer gleich
man sagt schwarze pfützen scheinen geheimnisvoll
er stellt fest: schon wieder vorbei, ein sommer
wärmen würd’ er mich, meint er, im
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Lyrik
Von Sarah Bernauer
schnitt
schon wieder vorbei, eben noch
ein langsames annähern, es wäre
in diesem moment: anfang
selbstunterbrechung
ein gestrichenes marmeladenbrot
ohne ende ein hungernder anspruch
er drängt darüber hinaus
in grossen zügen ein dritter kaffee
der morgen ist vorbei
staub sammelt sich, überall
wohin der blick fällt:
schmerzende blutbahnen
das blut verdünnt, verdickt sich
(und das nicht mit mass)
dahinter, in unfertige geschichten
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Lyrik
Von Sarah Bernauer
in den wärmekammern der zwischenzeit
dort schien er gut aufgehoben
und vor allem greifbar, dieser flüchtige
nicht näher bestimmbare einfall
manchmal, aus dieser holprigen unstimmigkeit heraus
in dem hohlraum zwischen zwei silben, in der
stille nach einer aussprache, bei dem schritt
hinaus in die sonne / hinein aus dem regen
in dem moment, in dem die hand vom türgriff
in die leere gleitet, finde ich mich wieder
ein ansatz – rückführend eine
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Literatur
Von Zoe Jenny
Sie warteten auf ihn in ihre Regenjacken gehüllt, die Kapuzen hochgezogen. Er freute sich darauf, den Tag mit den Kindern allein zu verbringen. Auf dem Weg zur U-Bahn ging er, eine Zigarette rauchend, einen Schritt hinter ihnen. Selwyn erzählte Tara aufgeregt etwas über ein neues Computerspiel. Tara nickte nachgiebig und legte plötzlich wie beschützend die Hand auf den Kopf ihres Bruders – eine Geste, die Mike seltsam berührte. Sie war zwei Jahre älter
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Rezension
Matthias Nawrat: Wir zwei allein. Zürich: Nagel & Kimche, 2012.
Von Rachel Huber

Matthias Nawrats Debütroman «Wir zwei allein» greift in das Leben eines jungen Mannes hinein, dessen Unentschlossenheit seinen Alltag dominiert. Der Ich-Erzähler funktioniert einfach, hat kein Ziel. Eigentlich hätte er viele Möglichkeiten, sein Leben erfolgreicher zu gestalten, denn er ist gebildet und gut sozialisiert, aber er möchte oder kann sich nicht über die existenzerhaltenden Bedingungen hinaus entscheiden. So plätschert sein Leben dahin,
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Rezension
Virginia Woolf: Augenblicke des Daseins. Autobiographische Skizzen. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2012.
Von Silvia Hess

Who’s afraid of Virginia Woolf? Die Frage ist heute so berechtigt wie damals, als Edward Albee sie 1962 seinem Theaterstück, das inzwischen längst zu einem Bühnenklassiker geworden ist, voranstellte. Seit Beginn ihres Schreibens gehört Virginia Woolf zu jenen Autoren, deren Werk (und Leben) fast ausnahmslos polarisieren. Leser und Leserinnen feiern ihre Romane, Essays, Tagebücher, Briefbände und geraten dabei, eins nach dem andern verschlingend, in den von ihr
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Kurzkritik
Hildegard Elisabeth Keller: Trilogie des Zeitlosen. Hörbuchreihe in 3 Bänden. Zürich: vdf, 2011.
Von Martina Läubli

«Was haben Brunnenfrösche und Menschen gemeinsam?», fragt der chinesische Philosoph Zhuangzi. Die Antwort ist nicht gerade schmeichelhaft: «Sie sitzen beide als Alleinherrscher in ihrem Wasserloch.»
Vor provokanten Fragen schrecken die mystischen Denkerinnen und Denker, die die Literaturprofessorin Hildegard Elisabeth Keller in ihrer Hörbuchtrilogie zusammenbringt, nicht zurück. In ihren Augen sind Menschen genauso gut wie ein Mistwurm oder ein zerbissener
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Kurzkritik
Vincenzo Todisco: Rocco und Marittimo. Zürich: Rotpunktverlag, 2011.
Von Michael Harde

Wie klingt es – im 21. Jahrhundert –, einen Roman als «warmherzigen, wehmütigen, altmodischen Schmöker für lange Winterabende vor dem Kamin» zu bezeichnen? Darf man so über ein Buch urteilen? Ich schwanke, ich zweifle, bin mir gar nicht sicher. Finden Sie das onkelhaft? Hört sich das wie ein nett verpackter Verriss an? Das hätte Vincenzo Todiscos vierter Roman Rocco und Marittimo in der Tat nicht verdient.
Der in italienischer Sprache
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Kurzkritik
Martin R. Dean: Ein Koffer voller Wünsche. Salzburg / Wien: Jung und Jung, 2011.
Von Beat Mazenauer

Heimkehren oder ausreissen – diese beiden Vektoren umreissen den Zwiespalt, der mehreren Büchern von Martin R. Dean einbeschrieben ist. Der 56jährige Basler mit Wurzeln in Trinidad reiste vor acht Jahren im Roman «Meine Väter» in seine zweite Heimat. Im neuen Roman «Ein Koffer voller Wünsche» öffnet er dieses Spannungsfeld von neuem.
Filip Shiva Bellinger, ein Mann im mittleren Alter, sucht seine Rolle im Leben. Seine Freundin Maia
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Kurzkritik
J. Ulrich Binggeli (Hrsg.): Heimweh nach Freiheit. Resonanzen auf Hermann Hesse. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2012.
Von Sven Weidner

Von den Hippies ob seiner Hinwendung zu fernöstlichen Religionen oder seines leuchtenden Freigeists geschätzt, in den Curricula der gymnasialen Oberstufe fest verankert, von manchen lebenslang verehrt, von anderen als solider Raconteur mit einem Hang zum Esoterischen abgetan; von Dichterkollegen geschätzt und doch keiner Gruppe zugehörend: Hermann Hesse, der zuvörderst mit Unterm Rad, Siddhartha oder dem Steppenwolf assoziiert wird, muss um seinen unangefochtenen Platz
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Kurzkritik
Pedro Lenz: Der Keeper bin ich. Zürich: Bilger, 2012.
Von Klaus Hübner

Der Keeper hat gerade ein Jahr Knast in Witzwil hinter sich, als er, zurück in seinem Heimatdorf Schummertal, beschliesst, einen Kaffee mit Schuss zu sich zu nehmen. Im «Maison» bedient die Regula, kurz Regi genannt, dort verkehren sein alter Schulfreund Uli, der Stofer Martin, der Paule und all die anderen Typen. Fast alle haben mit den «Giftgeschichten» zu tun, die den Keeper ins Gefängnis gebracht haben. Warum das so kommen musste, ist das Hauptthema dieses
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Kurzkritik
Ursula Fricker: Ausser sich. Zürich: Rotpunktverlag, 2012.
Von Fabienne Schwyzer

Die Trostlosigkeit schlägt einem mit aller Wucht entgegen. Es ist nicht nur das frisch gewischte Linoleum. Es ist auch nicht das in einer Ecke offen stehende Fläschchen Desinfektionsmittel. In einem Pflegeheim für schwer behinderte Menschen ist es alles zusammen. Vor sich hinvegetierend, sitzen sie da, auf ihren Stühlen, in sich versunken, abgeschnitten von der Aussenwelt. Und dabei wirken sie nicht einmal unglücklich. Allein den Besucher macht ihr Dasein betroffen, denn
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Kurzkritik
Andrea Weibel: Steinherz. Muri bei Bern: Cosmos, 2012.
Von Liliane Studer

Lilia hat es nicht leicht im Leben. Sie ist siebzehn, schon das ist eine Zumutung. Denn damit ist sie noch nicht volljährig – und kann folglich nicht allein entscheiden. Hinzu kommt, dass sie in einem Kaff im Wallis bei ihrem Vater Peter, einem Eigenbrötler ersten Ranges, lebt und in der dortigen Dorfschule auch noch einem Trottel von Lehrer ausgeliefert ist. Erst als die junge Sofie aus Zürich die Alphütte von Peter für die Sommermonate mietet, um in aller Ruhe
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Kolumne
Bern–Ljubljana: 3 Stunden, 10 Minuten
Von Francesco Micieli
Im Zug zum Zürcher Flughafen. Unterwegs zu einer Tagung der Universität Ljubljana mit dem Thema «Literaturdiskurs Alpen». Ich soll über Liebe in den Alpen referieren. Das Buch, das mich auf dieser Reise begleitet: «Zimmer 307» von Sandra Hughes (Dörlemann). Ich halte das Buch in den Händen, drehe und wende es; mein Spiel vor jedem Lesen.
Die Buchpreisbindung wurde abgelehnt, sagt die Zeitung des Nachbars. Der Minibarmann nennt sich
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Über Berge und Gräben
übersetzt von Maguelone Graf (Mentorat: Yla von Dach)
Von Reynald Freudiger
Die Stadt ist so gross, dass man nicht sieht, wo sie endet. Vom Turm aus, der einst der höchste Wolkenkratzer Lateinamerikas war (wie die beiden Empfangsdamen im Chor oder im Echo versichern), kann man bei klarem Wetter am Horizont die Gipfel der Vulkane erkennen. Doch ehrlich gesagt: Klares Wetter gibt es hier nicht oft; zwischen der Sonne und uns ist immer ein Schleier, eine Art grauer Krepp, eine Mischung aus Braut- und Witwenschleier. Wir sind zwar keine Londoner, aber wie die Londoner
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Kurze Sätze über Grate
Leo Tuor: Giacumbert Nau. Zürich: Limmat, 2012.
Von Markus Rottmann
Ein zorniger Mungg ist er, der den Hirt macht, oben auf der Greina, aber in Wahrheit ist es die Wildnis, die ihn hütet, den Giacumbert Nau, den Ausgewilderten, der das Fell seiner Hündin krault, die als einzige nicht von ihm weicht, seine Diabola. Er lebt in den Rissen seiner Vergangenheit. Und verschwindet darin. Dafür taucht viel Dunkles auf aus den Nebeln der Greina und in den Erinnerungen des Umherstreifenden.
Giacumbert Nau ist ein Typ, den man nicht vergisst. Zu sehr muss
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